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Gottfried Keller

Lyrik

An das Herz

Willst du nicht dich schliessen,
Herz, du offnes Haus!
Worin Freund’ und Feinde
Gehen ein und aus?

Schau, wie sie verletzen
Dir das Hausrecht stets!
Fühllos auf und nieder,
Polternd, lärmend geht’s.

Keiner putzt die Schuhe,
Keiner sieht sich um,
Staubig brechen alle
Dir ins Heiligtum;

Trinken aus den goldnen
Kelchen des Altars,
Schänden Müh’ und Segen
Dir des ganzen Jahrs;

Werfen die Penaten
Wild vom Herde dir,
Pflanzen drauf mit Prahlen
Ihr entfärbt Panier.

Und wenn zu verwüsten
Nichts sie finden mehr,
Lassen sie im Scheiden
Dich, mein Herz, so leer!

Nein! Und wenn nun alles
Still und tot in dir,
O, noch halt dich offen,
Offen für und für!

Lass die Sonne scheinen
Heiss in dich herein,
Stürme dich durchfahren
Und den Wetterschein!

Wenn durch deine Kammern
So die Windsbraut zieht
Lass dein Glöcklein stürmen,
Schallen Lied um Lied!

Denn noch kann’s geschehen,
Dass auf irrer Flucht
Eine treue Seele
Bei dir Obdach sucht!


Abendlied an die Natur

Hüll’ ein mich in die grünen Decken,
Mit deinem Säuseln sing mich ein,
Bei guter Zeit magst du mich wecken
Mit deines Tages jungem Schein!
Ich hab mich müd in dir ergangen,
Mein Aug’ ist matt von deiner Pracht.
Nun ist mein einziges Verlangen, Im
Traum zu ruhn, in deiner Nacht.

Des Kinderauges freudig Leuchten
Schon fingest du mit Blumen ein,
Und wollte junger Gram es feuchten,
Du scheuchtest ihn mit buntem Schein.
Ob wildes Hassen, masslos Lieben
Mich zeither auch gefangen nahm:
Doch immer bin ich Kind geblieben,
Wenn ich zu dir ins Freie kam!

Geliebte, die mit ew’ger Treue
Und ew’ger Jugend mich erquickt,
Du einz’ge Lust, die ohne Reue
Und ohne Nachweh mich entzückt -
Sollt’ ich dir jemals untreu werden,
Dich kalt vergessen, ohne Dank,
Dann ist mein Fall genaht auf Erden,
Mein Herz verdorben oder krank!

O steh’ mir immerdar im Rücken,
Lieg’ ich im Feld mit meiner Zeit!
Mit deinen warmen Mutterblicken
Ruh’ auf mir auch im schärfsten Streit’
Und sollte mich das Ende finden,
Schnell decke mich mit Rasen zu;
O selig Sterben und Verschwinden
In deiner stillen Herbergsruh!


Bild: Wikimedia Commons

„Wer heute einen Gedanken sät,
erntet morgen die Tat,
übermorgen die Gewohnheit,
danach den Charakter
und endlich sein Schicksal.“



Bei einer Kindesleiche


Den niemand kommen hört und kommen sieht,
Er hat geweht, der Wind, den Baum geschwungen,
Des Wurzelwerk die Erde überzieht,
In dessen Kron’ ich dieses Lied gesungen;
Das jüngste Knösplein, gestern dran erblüht,
Hat über Nacht sich leise losgerungen;
Es fiel, und niemand gab wohl weiter acht,
Als ich, der mit dem Zufall hielt die Wacht.

So bist erlöscht du, lieblich junges Licht,
Das mir erquickend in das Herz gezündet?
Noch sprach zwei Wörtchen deine Zunge nicht,
Doch hat dein Lallen mir so viel verkündet!
Das Sehnen, das die zartsten Bande flicht,
Es hat tiefinnig mich mit dir verbündet;
Ja, vor viel Grossem unter dieser Sonnen
Hab’ ich dich kleinen Nachbar wertgewonnen!

Ob ich gen Himmel sah, ins blaue Meer,
Ob in dein Aug’, es war das gleiche Schauen;
Es leuchtete aus diesen Sternen her
Ursprünglich helles Licht von schönern Auen.
Wie oft senkt’ ich den Blick, von Mühsal schwer,
Ihn frischend, tief in dies verklärte Blauen!
Wie war das Lachen deines Mundes fein!
Wie echt war unsre Freundschaft, still und rein!

Nie hab’ an deine Zukunft ich gedacht,
War ja die Gegenwart so klar und heiter!
Du hast wie eine Blume mir gelacht,
Nicht dacht’ ich an gereifte Früchte weiter;
Ob einst vielleicht ein Held in dir erwacht’,
Ob du am Fusse bliebst der langen Leiter:
Du lieblich Kind warst in dir selbst vollkommen -
Was sollte dir und mir die Sorge frommen?

Zu der du wiederkehrst, grüss’ mir die Quelle,
Des Lebens Born, doch besser, grüss’ das Meer,
Das eine Meer des Lebens, dessen Welle
Hoch flutet um die dunkle Klippe her,
Darauf er sitzt, der traurige Geselle,
Der Tod, verlassen, einsam, tränenschwer,
Wenn ihm die Seelen, kaum hier eingefangen,
Laut jubelnd wieder in die See gegangen.

 
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